Teile einer Veröffentlichung von Hans Gunia,
Michael Huppertz,
Jürgen Friedrich und Jil Ehrenthal

Videobeitrag über Borderline im Hessischen
Rundfunk
Im Jahre 2008 wurde dem Darmstädter DBT-Netzwerk der DGVT-Preis für
hervorragende Leistungen auf den Gebieten:
- Entwicklung der Psychotherapie/ Verhaltenstherapie in
gesellschafts- und gesundheitspolitischer Verantwortung
und/oder
-der Weiterentwicklung gesundheitsfördernder bio-psychosozialer
Prävention und Intervention
verliehen
Bilder von der Preisverleihung
Entstehung des DBT-Netzwerks in Darmstadt
1996
weckte eine Ausschreibung einer Fortbildung zur
dialektisch-behavioralen Therapie in Freiburg das Interesse des
Erstautors. Er fuhr nach Freiburg und berichtete mit einiger
Begeisterung von diesem Workshop, was auch nötig war, denn zunächst
waren wir nicht sehr interessiert, schon wieder etwas Neues zu lernen -
noch dazu eine Therapie, deren Name zunächst Unmut und Skepsis
hervorrief. Wir arbeiteten damals bereits in einer Praxisgemeinschaft
zusammen. Zu dieser gehört eine psychiatrisch-neurologische
Gemeinschaftspraxis, die schließlich nach weiterer Recherche gemeinsam
mit dem Erstautor den Aufbau des DBT-Netzwerks in Angriff nahm. Ein Netz
war wichtig, da aus konzeptuellen Gründen Einzel- und
GruppentherapeutInnen nicht identisch sein sollten. Dadurch sollte
gewährleistet werden, dass Krisenintervention, Problembewältigung und
Fertigkeitentraining nicht nur räumlich, sondern auch personell getrennt
waren.
Wir
waren nun zu viert und hatten alle schon mindestens 10 Jahre ambulant
mit Borderline-PatientInnen gearbeitet. Neben inhaltlichen Aspekten
leuchteten uns vor allem die Vorteile eines zusätzlichen
Fertigkeitentrainings und einer gezielten Kooperation mit anderen
TherapeutInnen ein. Wir entschlossen uns, ein größeres Netzwerk von etwa
10 TherapeutInnen aufzubauen und wendeten uns mit diesem Konzept an
andere KollegInnen, mit denen wir schon länger zusammenarbeiteten und
die wir aus persönlichen wie professionellen Gründen schätzten. Formale
Voraussetzungen waren eine Kassenzulassung und mehrjährige Erfahrungen
in der ambulanten Arbeit mit Borderline-PatientInnen. Die Resonanz war
positiver als erwartet, und wir hatten bald eine Arbeitsgruppe aus 11
TherapeutInnen zusammen. Aus dieser Gruppe ist bis heute eine
Therapeutin ausgeschieden, so dass unser Netzwerk aktuell aus 10
TherapeutInnen besteht.
Wir
sind 7 Frauen und 3 Männer, 4 PsychiaterInnen/NervenärztInnen, 6
PsychologInnen. Die ÄrztInnen sind als tiefenpsychologische
TherapeutInnen zugelassen, die PsychologInnen als
VerhaltenstherapeutInnen. Wir haben oben die Gründe zusammengestellt,
warum Therapien mit BPS-PatientInnen häufig so unbefriedigend verlaufen.
Auf diese grundsätzlichen Schwierigkeiten führen wir auch zurück, dass
sich so leicht eine stabile TherapeutInnengruppe gefunden hat, obwohl
nicht einmal eine ausreichende Finanzierung für die zusätzliche
Gruppentherapie in Aussicht stand. Offensichtlich gab es zumindest in
unserem Umfeld ein starkes TherapeutInnen-Interesse an Austausch,
wechselseitiger Unterstützung und neuen effektiven Methoden auf dem
Gebiet der Borderline-Therapie. Zunächst galt es, die Ausbildung zu
organisieren. Sie hat im wesentlichen bei uns in Darmstadt
stattgefunden. Zunächst haben M. Bohus, dann kontinuierlich Friederike
Bruns (beide von M. Linehan autorisierte Lehrtherapeuten) Workshops bei
uns abgehalten, z.T. sind wir auch nach Freiburg gefahren. Die
Ausbildung in einer geschlossenen TherapeutInnengruppe hatte neben
praktischen auch gruppendynamische Vorteile.
Das Darmstädter
Setting
Im
Februar 1998 haben wir mit der ersten Fertigkeitengruppe begonnen, nach
und nach sind weitere gefolgt, die fünfte hat im Oktober 2000 begonnen.
Jede Gruppe besteht aus acht PatientInnen und zwei TherapeutInnen. Die
Gruppen sind halboffen, d.h. zu jedem Modulbeginn (etwa vierteljährlich)
können neue PatientInnen aufgenommen werden. Das Fertigkeitentraining
dauert 2 Jahre, kann ausnahmsweise (bei raschem Erfolg) auf 1 Jahr
verkürzt werden. Die Dauer der Einzeltherapie ist vom Einzelfall
abhängig, wird wohl in der Regel 3 Jahre nicht unterschreiten.
Die Kombination von Einzel- und Gruppentherapie ist obligatorisch, die
PatientInnen müssen an beidem teilnehmen. Die Einzeltherapie ist nur bei
TherapeutInnen möglich, die zum Netzwerk gehören. Dadurch ist eine
ausreichender Ausbildungsstand der TherapeutInnen sowie ein regelmäßiger
Austausch zwischen Gruppen- und EinzeltherapeutInnen gesichert.
Vierwöchentlich findet eine Intervision statt, in dem über aktuell
besonders schwierige therapeutische Situationen gesprochen wird, Einzel-
und Gruppentherapie koordiniert werden, aber auch organisatorische
Probleme besprochen werden. Darüber hinaus finden weiterhin mehrmals im
Jahr ganztägige Supervisionen statt. Alle Gruppensitzungen werden per
Video aufgezeichnet und werden je nach Bedarf und Kapazität Friederike
Bruns zugesandt und von ihr kritisch kommentiert. Wir schauen uns
bisweilen auch Ausschnitte dieser Bänder während der monatlichen
Intervisionen oder der ganztägigen Supervisionen an.
Wie gelangen
PatientInnen in das Netzwerk?
Nachdem
sich eine Patientin an eine Therapeutin in unserem Netzwerk gewandt hat,
wird sie zu einem Erstgespräch eingeladen, in dem die Diagnose anhand
der DSM-IV Kriterien gestellt oder überprüft wird. Gegebenenfalls sind
mehrere Sitzungen notwendig. Ist die Diagnose mit der Patientin
besprochen, ist sie über DBT und über unser Projekt aufgeklärt, zu
dieser Behandlung motiviert und willigt sie in die
Behandlungsmodalitäten sowie die Evaluation ein, sucht die Therapeutin
einen Gruppen- und/oder einen Einzeltherapieplatz für sie.
Finanzierung
Mit
Beginn der praktischen Arbeit haben wir uns um eine ausreichende
Finanzierung dieser Arbeit bemüht. Die Schwierigkeiten liegen in der
Parallelfinanzierung von Einzel- und Gruppentherapie bei verschiedenen
TherapeutInnen (davon allein zwei GruppentherapeutInnen), sowie in der
Stundenanzahl (in den Richtlinienverfahren in der Regel zu gering). Nach
langen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen ergab sich, dass eine
pauschale Projektfinanzierung (z.B. 40 Therapien) ebensowenig zu
erreichen war wie eine Anerkennung der DBT als besonderer Therapieform.
Dennoch fanden wir bei den zuständigen EntscheidungsträgerInnen
(Krankenkassen und deren Medizinischem Dienst -MDK-) soviel
Innovationsbereitschaft und Verständnis für den therapeutischen Sinn und
ökonomischen Nutzen des Projekts, dass eine Lösung zustande kam. Die
wichtigsten Krankenkassen in unserem Einzugsbereich sind danach im
Einzelfall bereit, nach positiver Begutachtung speziell konzipierter
Anträge durch den MDK die Therapie im notwendigen Umfang zu finanzieren.
Diese Bereitschaft der Krankenkassen ist mit einer Verpflichtung
unsererseits zu einer Evaluation verbunden. Eine solche Evaluation
hatten wir von vorneherein angeboten, weil wir sie ohnehin aus eigenem
Interesse eingeplant hatten. Nachdem es zunächst so aussah als ob wir
diese Evaluation selbst übernehmen müßten, haben wir eine Kooperation
mit dem psychologischen Institut der TU Darmstadt etablieren können.
Dies bringt uns neben einer gewissen Entlastung eine wesentlich höhere
Kompetenz und außerdem die notwendige Neutralität. Auf diese Weise ist
natürlich der Umfang der Evaluation gewachsen und damit auch wieder der
Dokumentationsaufwand für uns.
Hier können Sie den vollständigen Artikel downloaden.
Liste der DBT-Therapeuten im DBT- Netzwerkes
in Darmstadt