Videobeitag im hessischen Rundfunk
Borderline-Persönlichkeitsstörungen
Bei der Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung
(BPS) orientieren wir uns an den DSM-IV Kriterien (APA, 1994). Für die Diagnose
einer BPS müssen 5 von 9 Kriterien erfüllt sein. Diese 9 Kriterien sind in Tab.
1 dargestellt.
Tabelle 1: DSM-IV
Kriterien für die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung
|
1)
Verzweifeltes Bemühen, reale oder
imaginäre Trennungen zu vermeiden.
2)
Ein Muster von instabilen, aber
intensiven interpersonellen Beziehungen, die durch einen Wechsel zwischen
extremer Idealisierung und Abwertung charakterisiert sind.
3)
Identitätsstörungen: Chronische und
erheblich gestörte, verzerrte oder instabile Vorstellungen oder Gefühle für sich
selbst (z.B. das Gefühl nicht zu existieren oder das Böse zu verkörpern).
4)
Impulsivität in mindestens zwei
Gebieten, die potentiell selbstschädigend sind (z.B. Geldausgeben, Sex,
Drogenmissbrauch, Diebstahl, rücksichtsloses Fahren, Essstörungen) – ohne Suizid
oder selbstschädigendes Verhalten.
5)
Wiederkehrende Suiziddrohungen,
-gesten oder -versuche oder selbstschädigendes Verhalten.
6)
Affektive Instabilität: Ausgeprägte Sensibiltät der Stimmung (z.B. starke
episodische Dysphorie, Irritabilität oder Angst), üblicherweise wenige Stunden
bis selten wenige Tage anhaltend.
7) Chronisches Gefühl von Leere
8) Unangemessene intensive Wut oder
Schwierigkeiten, Wut oder Ärger zu kontrollieren (z.B. häufige Phasen von
schlechter Laune, konstantem Ärger, häufig wiederkehrende körperliche
Kämpfe).
9) Vorübergehende, stressabhängige
schwere dissoziative Symptome oder paranoide
Vorstellungen. |
Die Prävalenz
der BPS wird in den USA mit 1.0 bis 1.8 % angegeben. Auffallend ist eine hohe
Suizidrate von 5-10% innerhalb von 15 Jahren und eine Selbstverletzungsrate von
69-80% (zusammenfassend Jerschke et al., 1998; Grüttert, 2000; Rothenhäusler et
al., 1999). Runeson et al.
(1991, zitiert nach Grüttert, 2000) fanden bei einer postmortem
Untersuchung von 58 jungen Suizidenten eine Inzidenz von 33% für eine BPS
(diagnostiziert nach DSM-III-Kriterien). Es gibt Hinweise, dass das höchste
Suizidrisiko von Borderline-PatientInnen zwischen dem 20. und 29. Lebensjahr
liegt (Bromisch, 1997).
Jerschke et al.
(1998) fanden in ihrer Stichprobe häufige Therapieabbrüche (47,4%), häufige
Zwangseinweisungen (20,7%) und eine durchschnittliche Dauer von 6,5 Jahren
zwischen erstem Kontakt zu einer Therapeutin und/oder einem Psychiater und der
Diagnosestellung BPS. Aufgrund häufiger und langer Klinikaufenthalte schätzen
Jerschke et al. die Kosten pro Jahr und Patient auf 24000 DM (bezogen auf die
letzten beiden Jahre vor Aufnahme auf einer speziellen DBT-Station an der
Universitätsklinik in Freiburg).
In der Mehrzahl
sind Frauen betroffen (70-77%). Komorbid findet man häufig affektive
Erkrankungen (81-100%), Angsterkrankungen (24-81%), Substanzmissbrauch (21-67%),
Essstörungen (14%), (zusammenfassend Jerschke et al., 1998 und Grüttert, 2000;
kritisch dazu Dulz, 2000)
Alleine schon
diese Daten, die der Alltagserfahrung von TherapeutInnen entsprechen, ermutigen
wenig. Es gibt typische Schwierigkeiten, die sich unmittelbar im therapeutischen
Geschehen zeigen: Borderline-PatientInnen neigen dazu, ihre dysfunktionalen
Beziehungsmuster auf das therapeutische Arbeitsbündnis auszudehnen. In der
psychoanalytischen Literatur sind solche Muster als Idealisierung/Entwertung,
Spaltung, Projektion und projektive
Identifizierung oft und detailliert beschrieben worden (Kernberg, 1983). Dazu
kommt eine allgemeine Stimmungslage von Depressivität, Agressivität, Mißtrauen
und Unberechenbarkeit, die viele PatientInnen in die Therapiesitzungen
mitbringen. Bedenkt man noch, dass die PatientInnen mehrheitlich schwere
Traumata erlitten haben, die früher oder später in der Therapie thematisch
werden, so ist nachvollziehbar, dass manche TherapeutInnen die Behandlung dieser
PatientInnen ganz ablehnen, sich nur wenige dieser PatientInnen ‘zumuten’ oder
mehr oder weniger bewußt zu den Therapieabbrüchen beitragen.
Borderline-PatientInnen haben unter TherapeutInnen ein schlechtes Image, die
Diagnose kann zu einem neuen
stigmatisierenden Etikett werden.
Bohus et al. (2000a)
nennen als weitere Schwierigkeiten
auf der TherapeutInnenseite eine Tendenz, dysfunktionale Handlungsmuster von
PatientInnen mit BPS zu katastrophisieren. Andererseits werde die subjektive Not
der Betroffenen häufig unterschätzt.
Hinter dem Etikett ‘Borderliner’ droht nicht
nur die Vielfalt der Symptomkonstellationen und Persönlichkeiten zu
verschwinden, sondern es verstellt auch den Blick für manche ermutigenden und
bereichernden Eigenschaften der PatientInnen wie Offenheit, Spontaneität,
Leidenschaft in Beziehungen, ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ein gutes
Gespür für zwischenmenschliche Prozesse, auch wenn diese nicht differenziert
gehandhabt werden können.
Entstehungsmodell von BPS im Rahmen der
DBT
Der DBT
liegt ein Diathese-Stress-Modell zu
grunde, das die Borderline Persönlichkeits-Störung durch ein Zusammenwirken
früher Traumatisierung, Vernachlässigung und einer neurobiologischen Disposition
erklärt. Tatsächlich findet man bei PatientInnen mit der Diagnose BPS in über
70% der Fälle frühe Erfahrungen von Missbrauch und/oder Vernachlässigung und
Hinweise auf eine Häufung neurologischer Erkrankungen und eventueller
Schädigungen vor und nach der Geburt sowie im Kindes- und Jugendalter
(zusammenfassend Bohus et al., 2000b). Durch das Zusammenwirken eben
beschriebener Faktoren kommt es nach Ansicht von Linehan zu einer Störung der
Affektmodulation dahingehend, dass ein hypersensitives Nervensystem schon bei
geringfügigen emotionalen Stimuli mit einem starken Erregungsanstieg reagiert.
Emotionen werden häufig nicht differenziert wahrgenommen, sondern als diffus
erlebt. Die psychophysiologische Spannung baut sich dann nur sehr langsam ab,
kann im Extremfall über Stunden anhalten, was von den Betroffenen wiederum als
äußerst aversiv erlebt wird. Um diese Spannung zu reduzieren, greifen die
Betroffenen - quasi als dysfunktionale Bewältigungsstrategie - zu
selbstverletzendem Verhalten, Suizidversuchen oder Dissoziationen. Das
dysfunktionale Verhalten wird so negativ verstärkt. Es gibt eine kleine Gruppe
von PatientInnen, die ihre Selbstverletzungen als ‘Kicks’ erlebt, wodurch ihr
dysfunktionales Verhalten positiv verstärkt wird (Bohus et al., 2000).
Dialektisch-behaviorale Therapie von
Borderline-Persönlichkeitsstörungen
Bei der
dialektisch-behavioralen Therapie von Borderline-Persönlichkeitsstörungen (DBT)
handelt es sich um eine Therapieform, die seit mehr als 10 Jahren von Linehan
auf der Basis der Verhaltenstherapie entwickelt wird. Linehan hat vor allem mit
suizidalen PatientInnen gearbeitet. In ihrem Manual ergänzt sie die kognitive
Verhaltenstherapie um Elemente aus humanistischen Therapieverfahren,
Hypnotherapie und im besonderen aus dem Zen. Im deutschen Sprachraum wird die
DBT vor allem von der
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychosomatik Freiburg vertreten.
DBT wurde als
ambulante Therapieform entwickelt und besteht im wesentlichen aus den vier
Therapiebausteinen Einzeltherapie, Fertigkeitentraining in der Gruppe,
Telefonkontakt im Notfall und regelmäßige Intervision der TherapeutInnen.
Einzeltherapie
In der
Einzeltherapie werden die Problembereiche hierarchisch im Sinne der
Dringlichkeit geordnet. An oberster Stelle stehen suizidales und parasuizidales
Verhalten, gefolgt von therapiegefährdendem Verhalten, Beeinträchtigungen der
Lebensqualität und der Verbesserung von Verhaltensfertigkeiten. Die
Problemfelder werden in dieser Reihenfolge bearbeitet. Wenn notwendig, wird
sofort wieder auf eine höhere Ebene zurück gegangen.
Der
Einzeltherapeut versucht eine Balance zwischen Validierungs- (Verstehen und
Wertschätzen des Problems) und Veränderungsstrategien zu finden (‘dialektische
Strategie’, Linehan, 1996c; aus psychoanalytischer Sicht Lohmer et al., 1996).
Hierfür werden Interventionen aus der kognitiven Verhaltenstherapie, der
Hypnotherapie, humanistischen Therapien und dem Zen eingesetzt. Grundlage ist
eine tragfähige therapeutische Beziehung.
Die PatientInnen
führen eine Tagebuchkarte, in die Medikamenteneinahme, Spannungszustände,
Drogenkonsum und dysfunktionale Verhaltensweisen einzutragen sind.
Durch
Verhaltensanalysen sollen die Betroffenen Einsicht in den Spannungsaufbau
erhalten und lernen, das im Fertigkeitentraining Gelernte in Handlungspläne
einzubauen. Nach selbstverletzendem Verhalten oder Suizidversuchen werden die
PatientInnen gebeten, solche Analysen selbst anzufertigen.
Voraussetzung
für die eventuelle Bearbeitung eines Traumas in einem zweiten Therapieabschnitt
ist, dass die PatientInnen gelernt haben, emotionale Krisen, Spannungszustände
und Dissoziationen selbst durch die gelernten Fertigkeiten zu regulieren. Die
Traumabearbeitung erfolgt durch Techniken aus der kognitiven Verhaltenstherapie
und durch Expositionsstrategien.
Fertigkeitentraining in der
Gruppe
“Das
Fertigkeitentraining ist der Ton, aus dem die Einzeltherapeutin und Patientin
eine Figur modellieren können” (Linehan, 1996a). Damit ist gemeint, dass die in
der Gruppe gelernten Fertigkeiten in der Einzeltherapie in die erarbeiteten
Verhaltensanalysen und Handlungspläne eingebaut und zu einem sinnvollen Ganzen
verbunden werden.
Die Gruppe wird
von zwei TherapeutInnen geleitet. Das Fertigkeitentraining hat
Workshop-Charakter, Gruppendynamik wird nur soweit wie notwendig thematisiert.
Der Schwerpunkt liegt auf dem Lehren von Fertigkeiten. Interaktionelle Probleme
werden ‘DBT-mäßig’ durch das Anwenden von Fertigkeiten gelöst. Kritik und
Anregungen seitens der TeilnehmerInnen sind ausdrücklich erwünscht, eine
experimentell-partnerschaftliche Atmosphäre soll entstehen.
Das
Fertigkeitentraining findet in unserem Setting wöchentlich statt (90 Minuten)
und besteht aus den vier Modulen Innere Achtsamkeit, Umgang mit Gefühlen,
Stresstoleranz und Zwischenmenschliche Fertigkeiten, die bei uns jeweils etwa 12
Sitzungen in Anspruch nehmen.
Im Modul ‘Innere Achtsamkeit’ lernen die PatientInnen die
Fertigkeiten Wahrnehmen, Beschreiben, Teilnehmen sowie ein nicht bewertendes,
konzentriertes und wirkungsvolles Denken und Handeln. Hier sind unschwer die
Zeneinflüsse zu entdecken. Ziel ist, Bewußtheit im Alltag zu erreichen und mehr
Steuerungsmöglichkeiten über sich selbst zu bekommen. Teilnahme und Distanz,
Gefühl und Verstand sollen miteinander in Einklang gebracht werden. Hier wird
deutlich, dass es sich um Ziele handelt, die nicht nur Borderline-PatientInnen
ein Leben lang beschäftigen können.
Im Modul
‘Zwischenmenschliche Fertigkeiten’ werden die Basisfertigkeiten Orientierung auf
ein Ziel, Orientierung auf die Selbstachtung und Orientierung auf die Beziehung
vermittelt. Faktoren, die die soziale Kompetenz beeinträchtigen und solche, die
sie fördern, werden identifiziert. Förderliche Selbstaussagen werden erarbeitet.
Ziel ist, dass PatientInnen auf eigenen Wünschen, Zielen und Meinungen bestehen
können und dabei sowohl von anderen Menschen respektiert werden, als auch die
eigene Selbstachtung aufrechterhalten.
Im Programmteil
‘Umgang mit Gefühlen’ wird vermittelt, dass Gefühle (auch solche, die als
unangenehm erlebt werden) eine Funktion und eine Bedeutung haben. Fertigkeiten
wie: Beobachten, Beschreiben und Verstehen von Gefühlen, Verwundbarkeit
verringern, Schritte in Richtung angenehmer Gefühle tun, emotionales Leiden
loslassen und dem Gefühl entgegengesetzt handeln werden besprochen und geübt.
Ziel ist, Gefühle in ihren Bedeutungen und Auswirkungen verstehen und
akzeptieren zu lernen. Das Vertrauen in die eigene Gefühlswelt soll erhöht
werden.
Im Programmpunkt
‘Stresstoleranz’ lernen die PatientInnen, Krisen auszuhalten und Spannung zu
reduzieren durch Techniken wie: sich durch starke sensorische Reize ablenken
(z.B. Eiswürfel), durch verschiedene Techniken ‘den Augenblick verbessern’, ‘Pro
und Contra’ (welche Argumente sprechen für selbstverletzendes Verhalten, welche
dagegen), Akzeptieren der Realität, Atemübungen, ‘leichtes Lächeln’ und
Achtsamkeitsübungen. Ein weiteres
Ziel ist, zu lernen, unangenehme Ereignisse und Gefühle zu ertragen, wenn
sich die Situation nicht verändern lässt.
Die PatientInnen
werden angeleitet, sich einen individuellen Notfallkoffer einzurichten, in dem
wichtige Utensilien für Stresstoleranz-Fertigkeiten aufbewahrt werden. Kärtchen,
auf denen die hilfreichsten Fertigkeiten eingetragen sind, sollten die PatientInnen bei sich tragen. Die
PatientInnen erhalten außerdem Formulare, auf denen die gelernten Fertigkeiten
eingetragen sind und protokollieren, welche Fertigkeiten sie mit welchen Erfolg
geübt haben.
Wenn die
PatientInnen vier mal hintereinander fehlen bzw. die Hälfte der Sitzungen in
drei Monaten versäumen, werden sie von der Therapie ausgeschlossen.
Telefonkontakt
PatientInnen
können in suizidalen Krisen oder bevor sie sich selbst verletzen, ihre
TherapeutInnen anrufen. Die telefonische Erreichbarkeit muß mit den
TherapeutInnen vorher geklärt werden und richtet sich auch nach den Grenzen der
TherapeutInnen. Die Telefongespräche sollen nach bestimmten Regeln ablaufen. Die
Patientin berichtet, warum sie sich in einer Krise befindet und welche
Fertigkeiten sie bereits ausprobiert hat. Beide besprechen Fertigkeiten, die die
Patientin dann einsetzen soll. Dazu ist es hilfreich, wenn die Patientin
gelernte Fertigkeiten benennen kann.
Verletzt sich die Patientin selbst oder begeht sie einen
Suizidversuch, sollte dies nicht durch vermehrte Zuwendung verstärkt werden, was
nicht leicht zu realisieren ist. Ziel ist, dass die PatientInnen im nachhinein
Verhaltensanalysen dieser Situationen anfertigen.
Intervision
Die Einzel- und
die GruppenTherapeutInnen sollen sich regelmäßig treffen, um sich über die
gemeinsamen PatientInnen auszutauschen und sich gegenseitig zu beraten.
Wirksamkeit von DBT
Bisherige
Untersuchungen zeigen, dass DBT bezüglich der Hospitalisierungsanzahl- und
dauer, der Anzahl parasuizidaler Handlungen, der Abnahme von Ärger und des
Ausbaus sozialer und beruflicher Integration Standardtherapien überlegen ist
(zusammenfassend Linehan et al. 1991, Bohus et al. 1996). Die Überlegenheit
bzgl. der sozialen und beruflichen Integration sowie der Hospitalisierungsdauer
war auch ein Jahr nach Abschluß der Therapie noch nachweisbar (zusammenfassend
Bohus et al. 1996; Linehan et al. 1993; kritisch dazu Dammann et al., 2000).
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